Corona trifft Reha

Die VIACTIV (Krankenkasse) verbuchen seit Abflauen der 1. Pandemiewelle im Jahr 2020 rund 22 Prozent geringere Antragszahlen bei der Rehabilitation als in 2019.

Die Corona-Pandemie hat das Land seit mehr als einem Jahr in einen Ausnahmezustand versetzt und immer noch fest im Griff. Auch das Gesundheitssystem läuft im Krisenmodus. Insbesondere die Krankenhäuser haben sich ganz der Versorgung schwer kranker Corona-Patienten ver­schrieben und die Intensivbetten mussten freigehalten werden. Planbare Operationen wur­den und werden verschoben, wenn es medizinisch vertretbar erscheint.

Nach einer Gelenkersatz-Operation wie Hüfte oder Knie schließt sich fast immer eine An­schlussrehabilitation an. Das bedeutete in der Rückschau im April 2020 über 50 Prozent weniger Rehabili­tationsmaßnahmen in diesem Segment als im Vorjahr bei der VIACTIV.

Phasenweise wurde zwischen den Pandemiewellen die OP-Taktung im Krankenhaus wieder drastisch erhöht, um die ver­schobenen Operationen im Krankenhaus nachzuholen.

Das führte vorüberge­hend zu Engpässen bei der Terminvereinbarung mit den Rehabilitationseinrichtungen. Aufnahmen waren nicht so schnell wie sonst möglich. Begrenzte Belegungskapazitäten und die Komplexität der erforderlichen Hygienemaßnahmen aufgrund der Pandemie waren hierfür wesentlich. „Die VIACTIV beschäftigt in ihrer Rehabilitationsabteilung speziell geschulte Mitarbeitende, die mit unseren Kooperationskliniken eng vernetzt sind. So konnten wir dort einen schnelleren Aufnahmetermin als in anderen Kliniken ermöglichen“, sagt Christiane Feegers, Leiterin Fachbereich Rehabilitation bei der VIACTIV.

Bei allen Beteiligten bestand anfangs große Unsicherheit, welche Hygienekonzepte in der Reha-Einrichtung erforderlich sind und vor allen Dingen, wer notwendige Testungen durch­führt und wie lange diese gültig sein sollten. Hinzu kam die Gretchenfrage: Wer bezahlt?

Bei einer Direktverlegung vom Krankenhaus in die Rehabilitation war und ist das in aller Re­gel unkritisch. Hier muss die verlegende Akutklinik die notwendige Testung übernehmen. Nehmen Versicherte aber den Umweg über den häuslichen Bereich, was in Einzelfällen tat­sächlich medizinisch sinnvoll sein kann, war die Klärung der „Testfrage“ am Anfang häufig mit Ratlosigkeit und Unsicherheit der Beteiligten verbunden und hat aus Sicht der VIACTIV anfänglich zu Verwirrungen und Ärgernissen aller Beteiligten, aber insbesondere unserer Versicherten geführt. Hausärzte als auch Rehabilitationseinrichtungen wollten die zwingend notwendigen Testungen nur dann vornehmen, wenn der Versicherte die Kosten hierfür zahlte. Für die VIACTIV bestand anfangs ebenfalls keine rechtliche Möglichkeit, Versicherten diese Aufwendungen zu erstatten. Für Versicherte überstiegen die Kosten von 50 bis 70 Euro in Einzelfällen ihre eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten Aber: Ohne negative Testung erfolgte keine Aufnahme in der Rehabilitationseinrichtung. Versicherte saßen quasi zwischen allen Stühlen.

„Mittlerweile sind die gesetzlichen Regelungen hierzu eindeutig und belasten Versicherte finanziell nicht mehr“, so Christiane Feegers. Zwischenzeitlich gab es zahlreiche Updates zu den Personengruppen und Anlässen von Testungen. Auch die Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes hinsichtlich der Testung von Menschen mit oder ohne Symptomen änderten sich mit der Modifizierung der jeweiligen Testverordnung. Die Kosten werden aktuell direkt entweder bei Vorlage der elektronischen Gesundheitskarte durch die Arztpraxen über den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) der Kassenärztlichen Bundesvereinigung oder durch die Veranlassung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) direkt mit der KV (Kassenärztliche Vereinigung) als Sachleistung abgerechnet. Unter folgendem Link der Kassenärztlichen Bundesvereinigung finden sich aktualisierte Informationen: https://www.kbv.de/html/coronavirus.php

Dies ist aber nur eine Facette aus dem vergangenen Jahr. Besondere, von der zuständigen Landesbehörde deklarierte Rehabilitationskli­niken mussten Covid-19-Patienten mit leichteren Krankheitsverläufen aus den Krankenhäusern übernehmen und be­treuen. Für „normale“ Reha-Patienten war dann keine Aufnahme möglich.

Auch nach mehr als einem Jahr der andauernden Pandemie stellen die Mitarbeitenden der Rehabilitationsabteilung fest: Die Angst, sich mit Covid-19 anzustecken, lässt weiterhin viele Reha-Patienten generell zö­gern, eine Maßnahme zu beantragen oder eine bereits bewilligte Maßnahme durchzuführen. Diese Angst treibt auch Versicherte um, die häufig unter chronischen Erkrankungen leiden und auf Anraten des Arztes dringend eine Rehabilitation beantragen sollten.

In der dritten Welle jedoch stellen wir aktuell einen Antragsanstieg sowie vermehrte Nachfragen fest. Ein Grund findet sich sicher in den begonnenen Impfaktivitäten der Bundesländer. Sicher führt auch die sich einstellende Corona-Müdigkeit dazu, dass die Hemmschwelle, einen Antrag einzureichen, sinkt. Der Altersdurchschnitt der Rehabilitanten liegt bei 71 Jahren.

Ein anderes Kapitel sind die Mutter-Vater-Kind-Kuren. Hier waren in der ersten Corona-Welle alle Kliniken bundesweit von den Behörden geschlossen. Termine wurden kurzerhand abgesagt und werden in diesem Jahr peu à peu nachgeholt. Homeoffice, Kurzarbeit und Homeschooling bringen Eltern oft an die Grenzen ihrer Belast­barkeit. Hier stellen wir einen deutlichen Antragsanstieg fest. Das bringt die Einrichtungen an ihre Kapazitätsgrenzen und Terminwünsche der Versicherten sind häufig nicht zu realisieren.

Ängste vor einer möglichen Ansteckung mit Covid 19 sind nur ein Grund, warum die Antragszahlen in der Rehabilitation allgemein zurückgehen. Klinikkapazitäten können zum jetzigen Zeitpunkt und sicher noch im weiteren Jahresverlauf aufgrund der Abstands- und Hygieneregeln nicht vollständig ausgeschöpft werden. Alle Kliniken sind ausnahmslos verpflichtet, ein umfassendes Hygienekonzept vorzuweisen und die Vorschriften des örtlich zuständigen Gesundheitsamtes müssen beachtet werden. Die Patientensicherheit hat immer oberste Priorität. Unsere Kooperationskliniken testen jeden neuen Patienten mittlerweile direkt, oder es muss ein aktueller Negativtest bei der Aufnahme vorgewiesen werden.

Bevor es dann mit der Therapie losgehen kann, folgen diverse Vorträge zum Hygienemanagement. Auf Übungen, für die Körperkontakt nötig ist, wird verzichtet. Wo immer es geht, finden therapeutische Angebote draußen statt. Die Einnahme von Mahlzeiten erfolgt oft zeitversetzt. Büffetangebote gibt es häufig gar nicht mehr. Ein Betreiber einer ambulanten Einrichtung in Gelsenkirchen setzt auf Online-Vorträge und eine Zwei-Schichten-Rehabilitation mit Vor- und Nachmittags-Gruppen.

Leider treten – trotz strenger Hygienevorschriften – in Kliniken immer noch Corona-Fälle auf. In diesem Fall kann dort ein Aufnahmestopp oder gar die Schließung der Klinik folgen. Für Versicherte kommt es dann in Einzelfällen zu schwierigen häuslichen Versorgungsengpässen. Die Mitarbeitenden unserer Rehabilitationsabteilung kümmern sich in Absprache mit allen Beteiligten um eine bedarfsgerechte und mögliche Versorgung. Das variiert und ist so unterschiedlich wie die Bedürfnisse der Versicherten und ihrer Angehörigen. Jede Beziehung zu unseren Versicherten muss daher immer individuell betrachtet werden.

Auch für die finanziell angeschlagenen Rehabilitationseinrichtungen fließen mittlerweile Unterstützungsleistungen aus unterschiedlichen Richtungen. Zum einen gab es einen Ausgleich aus dem „Rettungsschirm“ der Bundesregierung. Danach wurde ein bestimmter Obolus für jedes nicht belegte Bett gezahlt. Ambulante Einrichtungen waren hiervon ausgenommen. Das bringt Einrichtungen teilweise in Existenznöte. Zum anderen zahlen die gesetzlichen Krankenkassen seit Oktober letzten Jahres freiwillig einen „Hygienezuschlag“. Und zwar je nach Maßnahme in unterschiedlicher Höhe zwischen 6 und 18 Euro täglich. Für Zeiten, die im letzten Jahr nicht vom Rettungsschirm erfasst wurden, soll zusätzlich von allen Rehabilitationsplayern wie Krankenkassen, Rentenversicherung und Unfallversicherung ein Mindererlösausgleich an die Kliniken erfolgen. Verhandlungen stehen noch aus.

Solange Covid 19 uns noch alltäglich begegnet und begleitet, bleibt das Thema Rehabilitation für alle Beteiligten spannend.

 

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