Auftakt für Deutschlands erstes Contergan Schwerpunktzentrum

Am Donnerstag, 27. April, feierte die Dr. Becker Rhein-Sieg-Klinik mit über 80 Gästen die Eröffnung des ersten medizinischen Schwerpunktzentrums für Contergan-Betroffene bundesweit. NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens zeigte sich von dem neuen Angebot überzeugt.

Rund 2400 contergangeschädigte Menschen leben derzeit in Deutschland, über 800 von ihnen in Nordrhein-Westfalen. Bisher gab es nur wenige Angebote, die auf die Anforderungen der mittlerweile Mitte 50-Jährigen zugeschnitten waren – jetzt erhalten sie mit Deutschlands erstem ambulanten Zentrum für contergangeschädigte Menschen in der Nümbrechter Dr. Becker Rhein-Sieg-Klinik eine spezialisierte medizinische Anlaufstelle.

Vertrauen in das Gesundheitssystem geweckt

„Für uns ist es eine Herzensangelegenheit, mit der Eröffnung dieses Zentrums zur notwendigen Verbesserung der Versorgungssituation für contergangeschädigte Menschen beizutragen“, erklärte Dr. Ursula Becker, Geschäftsführerin der Dr. Becker Klinikgruppe. Sie begrüßte die mehr als 80 Betroffenen, Angehörigen sowie Gäste aus der Politik und der Gesundheitsbranche, die zur Eröffnungsfeier in der Dr. Becker Rhein-Sieg-Klinik erschienen waren, darunter Barbara Steffens, Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen. Sie betonte ebenfalls in ihrer Rede, wie sehr ihr die Versorgung Contergan-Betroffener am Herzen liege. Auch weil NRW Sitz der Firma Grünenthal sei, die das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan 1957 auf den Markt gebracht hatte, habe das Land eine besondere Verantwortung für die Geschädigten. „Wo viele von Ihnen kein Vertrauen in das Gesundheitssystem fassen können, das Ihnen oft nicht oder nur unzureichend geholfen hat, bildet Nümbrecht eine Ausnahme. Professor Peters hat über Jahre ein Vertrauensverhältnis zu Ihnen aufgebaut. Mit dem Zentrum ist uns nun ein wichtiger Schritt gelungen, Ihnen durch eine bedarfsgerechte Behandlung, Prävention und Unterstützung auch im Alter ein weitgehend selbstbestimmtes Leben in Würde zu ermöglichen“, wandte sich die Ministerin an die Betroffenen.

Wieviel Handlungsbedarf hier besteht, skizzierte Udo Herterich, Vorsitzender des Interessenverbandes Contergangeschädigter Nordrhein-Westfalen e.V. Der 55-jährige Betroffene berichtete von überforderten Medizinern und unzureichenden Versorgungsangeboten – und das, obwohl die Folgeschäden immer offensichtlicher würden. Die Frage eines Arztes: „Warum nehmen Sie denn noch immer Contergan?“ sei hier ein gravierendes Beispiel. Immer mehr Betroffene erlitten außerdem mittlerweile einen Herzinfarkt oder Schlaganfall als Folge angeborener Gefäßschäden.

Gründung eines Schwerpunkzentrums

Welche medizinischen Leistungen deshalb nötig sind, berichtete im Anschluss Prof. Dr. Klaus M. Peters, Chefarzt Orthopädie der Dr. Becker Rhein-Sieg-Klinik, der die ärztliche Leitung des Zentrums übernimmt. Gemeinsam mit der Uniklinik Köln hatte er von 2011 bis 2016 eine Langzeitstudie im Auftrag des Landeszentrums Gesundheit NRW durchgeführt, um die Folgeschäden contergangeschädigter Menschen zu evaluieren. Er betonte, dass die Betroffenen Ursprungsschäden über Jahrzehnte hinweg bemerkenswert gut kompensiert hätten. „Doch jetzt erfahren sie zunehmend körperliche und seelische Folgeschäden, die eine bedarfsgerechte Behandlung erfordern“, erklärte Prof. Peters. Gemeinsam mit Forschungspartner Prof. Dr. Christian Albus, Klinikleiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsklinikum Köln, hatte er sich deshalb für die Gründung von Schwerpunkzentren ausgesprochen.

Langjährige Expertise in Nümbrecht

In der Dr. Becker Rhein-Sieg-Klinik hat die medizinische Versorgung contergangeschädigter Menschen Tradition: Seit 2000 betreibt Prof. Peters eine Contergan-Sprechstunde. Dieses Angebot wird nun abgelöst durch die umfangreichen Leistungen des Zentrums für contergangeschädigte Menschen. Statt rein ärztlicher Beratung erhalten die Contergan-Geschädigten nun Beratung, multidisziplinäre Diagnostik und Therapien. Dazu kommen sie für bis zu vier Tage (einer davon in der Uni Köln) in die Einrichtung. Alle Leistungen müssen nicht mehr privat von den Betroffenen gezahlt werden, sondern werden von den Kassen übernommen. Heil- und Hilfsmittel können die Ärzte der Dr. Becker Rhein-Sieg-Klinik in Zukunft nicht nur empfehlen, sondern auch verordnen. Betreut werden die Patienten vom „Kompetenzteam Contergan" der Dr. Becker Rhein-Sieg-Klinik, das sich bereits zu Zeiten der „Sprechstunde“ gebildet hatte. Es umfasst ca. 16 Personen, darunter zwei Ärzte, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Masseure und Psychologen. Neu hinzugekommen ist eine Koordinatorin, die administrative Aufgaben übernimmt. Weitere Stellen werden jetzt nach Bedarf eingerichtet. Das Schwerpunktzentrum nutzt die Räumlichkeiten der Dr. Becker Rhein-Sieg-Klinik, die zu diesem Zweck bedarfsgerecht ausgestattet wurden. So hat die Rehaklinik beispielsweise im Nassbereich einen Ganzkörpertrockner installiert für Betroffene, die sich nicht selbst abtrocknen können.

Autor: Redaktion Rehakliniken Online

Stand: 02.05.2017

Quelle:

Dr. Becker Klinikgesellschaft mbH & Co. KG

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