KRANKHEITSBILDER

Konkrete medizinische Informationen bei Gesundheitsproblemen von Akne bis Zahnschmerzen; deren Ursachen und Möglichkeiten der Vorbeugung. Alle Beiträge werden von Ärzten oder Apothekern erstellt und patientengerecht aufbereitet.




 
 
 

Suchterkrankungen                                                                                                  *Anzeige                                                            

 

Was ist Sucht?

„Sucht“ leitet sich nicht von „suchen“ ab, obwohl das Raum für schöne Wortspiele geben würde, vielmehr kommt „Sucht“ von „siechen“ und ist damit verwandt mit dem englischen Ausdruck „sick“. Es geht also um Krankheit. Sucht oder Abhängigkeit beschreibt dabei eine Störung, die heute den allgemein akzeptierten psychischen Krankheiten zugeordnet wird. In einem komplexen bio-psycho-sozialen Bedingungsgefüge entgleitet den Betroffenen ihr vorher selbstbestimmtes Leben zugunsten von Konsum oder Verhaltensmustern. Das wiederum bedroht die körperliche, psychische und soziale Integrität.
Unabhängig von der konkreten Substanz (z. B. Alkohol, Tabak oder Kokain) finden wir bei Suchtkranken ein Syndrom, das mit einem zunehmend unbezwingbaren Verlangen nach dem Stoff beginnt (Craving), zu einer Dosissteigerung mit Toleranzentwicklung führt, schließlich fortgeführt werden muss, um nicht Entzugserscheinungen zu bekommen und im Gesamtbild einen zunehmenden Kontrollverlust über den Konsum zeigt. Dieser wird selbst dann fortgesetzt, wenn negative Folgen auftreten, unter denen der Betroffene selbst oder sein Umfeld leiden.

 

Nicht jede Auffälligkeit, die „Sucht“ im Namen trägt oder umgangssprachlich so bezeichnet wird, ist wissenschaftlich als Abhängigkeitserkrankung akzeptiert. Trotzdem gibt es zusätzlich zu den stoffgebundenen sogenannte „neue Süchte“, heute meist als „Verhaltenssüchte“ bezeichnet. Was früher als „pathologisches Glücksspiel“ galt, wird aktuell „Glücksspielabhängigkeit“ genannt, das amerikanische Klassifikationssystem DSM-5 lässt dies seit 2015 zu. Formen der Online-Süchte werden wohl demnächst in den Kanon der Abhängigkeitsstörungen aufgenommen. Bei anderen Formen des exzessiven Verhaltens wie Arbeiten, Essen, Kaufen oder Sport ist die Diskussion derzeit noch kontrovers.
Die Diagnose einer Suchterkrankung wird auch Anfang des 21. Jahrhunderts klinisch gestellt. Grundlage sind Kriterienlisten der WHO (ICD-10) oder der American Psychiatric Association (DSM-5), die das oben angesprochene süchtige Syndrom weiter ausdifferenzieren. Labor- und apparative Diagnostik erbringen ergänzende Befunde zu aktuellem oder vergangenem Konsum sowie zu Folgeerkrankungen. Außer einer manifesten Sucht kennt die ICD-10-Klassifikation noch den „schädlichen Gebrauch“. Hier besteht keine Abhängigkeit, aber zumindest ein sozialer, psychischer oder körperlicher Schaden. Im System nach DSM-5 findet sich diese Abgrenzung nicht, hier werden Schweregrade der Sucht unterschieden. Wegen der weiten Verbreitung in Deutschland wird hier die ICD-10 basierte Diagnosestellung aufgeführt:


Von Abhängigkeit spricht man, wenn der Betroffene mindestens drei der folgenden Kriterien während des letzten Jahres aufweist:

  • Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang zu konsumieren.
  • Verminderte Kontrollfähigkeit in Bezug auf den Beginn, die Beendigung oder die Menge des Konsums.
  • Ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums.
  • Nachweis einer Toleranz, im Sinne von erhöhten Dosen, die erforderlich sind, um die ursprüngliche durch niedrigere Dosen erreichte Wirkung hervorzurufen.
  • Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügungen oder Interessen zugunsten des Konsums sowie ein erhöhter Zeitaufwand, um zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen.
  • Anhaltender Konsum trotz des Nachweises eindeutig schädlicher Folgen.

 

Wege in die Sucht

Lange dachte man, ein „schlechter Charakter“ oder ein „schwacher Wille“ sei die Ursache etwa von „Trunksucht“. Beim genauen Hinsehen werden aber durchaus ausgesprochen freundliche Menschen oder auch solche mit starkem Willen suchtkrank. Wissenschaftlich gehen wir heute bei der Entstehung von Abhängigkeitsstörungen davon aus, dass Umweltfaktoren, biologische Eigenschaften, Lebensbedingungen und der Effekt der Substanzen selbst zusammen kommen müssen. Banal, aber sehr bedeutend: süchtig kann man nur werden, wenn Alkohol, Medikamente oder Drogen tatsächlich verfügbar sind. Vor allem kulturelle Bedingungen entscheiden, welche Stoffe als allgemein akzeptierte Genussmittel gelten und was nur in bestimmten Zirkeln konsumiert und als unerlaubt gilt.
Vorbilder, Rollenmodelle und der Zeitgeist legen die sozialen Grundlagen von Konsummustern in bestimmten Milieus und Lebensabschnitten. Bei genetischer Disposition erhöht sich das Risiko, an einer „Sucht hängen zu bleiben“. Dazu trägt weiterhin maßgeblich bei, wie oft und über welchen Zeitraum z. B. Alkohol getrunken wird. Wer nun an eine stark suchterzeugende Substanz geraten ist (z. B. Tabak, hier wird jeder dritte „Probierer“ süchtig, beim Alkohol sind es 5%), erreicht die kritische Schwelle rascher. Zusammengefasst resultiert eine Abhängigkeitserkrankung, wenn eine Substanz verfügbar ist, ihr Konsum für das Individuum eine wichtige Funktion besitzt, ein genetisches bzw. familiäres Risiko besteht, der Stoff zunehmend intensiv zugeführt wird und die Substanz ein hohes Suchtpotenzial besitzt.

Die suchterzeugenden Substanzen selbst sind chemisch zwar sehr unterschiedlich, wirken aber letztlich relativ ähnlich auf bestimmte Regionen des Gehirns. In der Forschung hat dabei das „Belohnungssystem“ eine zentrale Bedeutung gewonnen. Etwas verkürzt lautet die neurobiologische Erklärung der Sucht: Suchtmittel stimulieren vor allem das dopaminerge System. Die hedonistische Initialphase hält aber nicht auf Dauer an, da sich die Neuronen
habituieren und für den gleichen Effekt zunehmend höhere Dosen erforderlich sind. Andere Neurotransmittersysteme und Hirnregionen sind dann z. B. für die Vermeidung von Entzugssymptomen oder die Änderung von Kontrollfunktionen verantwortlich.

Auch andere Fachgebiete haben Theorien zur Suchtentstehung entwickelt. Sie sind insgesamt gut mit dem wissenschaftlich jüngeren neurobiologischen Modell kompatibel. Große Bedeutung besitzen psychologische Ansätze. In der Verhaltenstherapie steht die Funktionalität des Suchtmittels im Vordergrund (z. B. Spannungsregulation). Sie wird überwiegend über Lernvorgänge erklärt. In die Verhaltensanalyse gehen neben biographischen, sozialen und organismischen Daten vor allem die typischen, den Konsum auslösenden Situationen ein, mit den zugehörigen Kognitionen.
Die tiefenpsychologischen Ansätze zentrieren sich um das psychische Strukturniveau der Patienten und deren (unbewusste) Konflikte. Nach diesem Modell wäre z. B. Alkoholkonsum ein Weg, um strukturelle Defizite zu kompensieren oder Konflikte „löslich“ zu machen. Eine wichtige Rolle spielt die Analyse der Beziehung zu nahestehenden Menschen in kritischen Lebensphasen, vor allem der frühen Kindheit. Dies ist auch ein Grund für die „Oralität“ der meisten Suchtgewohnheiten. Beide psychologische Schulen, aber auch das medizinische Modell können über theoretische Erweiterungen gut erklären, dass bei Suchtkranken überzufällig häufig weitere psychiatrische Störungen auftreten. Diese sogenannten komorbiden Störungen gehen einer Suchterkrankung voraus, folgen ihr oder sind komplex mit ihr verschränkt. Häufig sind dies affektive, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen, Traumafolgen oder Schmerzerkrankungen. Das Vorhandensein einer Abhängigkeit erhöht das Risiko für das Auftreten einer weiteren.

 

Wege aus der Sucht

Für nahezu jede Krankheit sind Spontanremissionen beschrieben. Das gilt auch für den Bereich Sucht. Analysen von solchen Kasuistiken zeigen, dass fast immer zwei Randbedingungen gefunden werden: eine Person (meist Partner) oder Institution (meist Arbeitgeber) setzt eine klare Grenze und es gibt persönliche Unterstützung der Betroffenen in einer guten Beziehung. Interessanterweise sind „Rahmen schaffen“ und „Beziehung aufbauen“ auch wichtige Grundlagen professioneller Therapieangebot im Fachgebiet Abhängigkeitserkrankungen.
Da sich Medizin, Psychologie oder Soziale Arbeit erst später im vergangenen Jahrhundert dem Thema Sucht angenommen haben, hat sich in Deutschland zunächst unabhängig von diesen Disziplinen ein Suchthilfesystem aufgebaut. Kirchliche bzw. weltanschauliche Träger haben in enger Verzahnung mit Selbsthilfe ambulante und stationäre Strukturen geschaffen, die heute noch die Suchtarbeit prägen. Mit der Professionalisierung der Suchthilfe ist diese anschlussfähig geworden an moderne Versorgungssysteme.
Die Behandlung von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen ist heute sehr stark zielorientiert. Auch wenn darüber immer wieder heftig gestritten wurde, ist „zufriedene Abstinenz“ ethisch, wissenschaftlich und pragmatisch die Leitidee. Allerdings wird daraus kein Dogma mehr gemacht. Wenn Abstinenz nicht erreichbar ist, greifen andere Konzepte, z. B. Substitution bei Opiatabhängigkeit.
Die Behandlung von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen lässt sich bei abstinenzorientierter Therapie formal in drei Abschnitte gliedern:

  • Entgiftung
  • Entwöhnung
  • Rückfallprophylaxe

Da viele suchterzeugende Substanzen das Gleichgewicht der Neurotransmitter im Gehirn erheblich verschieben, kann der plötzliche Stopp der Zufuhr zu lebensgefährlichen Krisen führen (z. B. Krampfanfall oder Delir). Die Phase der Entgiftung ist oft aber auch eine gewollte Trennung vom bisherigen Milieu, um eine Konsumpause überhaupt zu ermöglichen. Grundsätzlich ist bei günstigen Randbedingungen eine Entgiftung ambulant möglich, meist wird sie aber stationär durchgeführt. Der „qualifizierte Entzug“ fügt der rein medizinischen Therapie noch Elemente von Motivationsbehandlung und Psychoedukation hinzu und wird von spezialisierten Einrichtungen angeboten.
Die Phase der Entgiftung fällt in den Zuständigkeitsbereich der Akutmedizin.Entwöhnung ist in Deutschland eine Aufgabe der Rehabilitation.
Dieser wiederum liegt der Grundgedanke einer umfassenden Teilhabe zugrunde. Es braucht wenig Phantasie, sich bei Suchtkranken Defizite in zahlreichen sozialen, psychischen und biologischen Domänen vorzustellen. Die Leistungsanbieter haben gemeinsam mit den Kostenträgern ambulante, ganztagesambulante und stationäre Strukturen aufgebaut, in denen die Teilhabe von Suchtpatienten nach einem multimodalen und multiprofessionellen Ansatz verbessert wird.

 

Die stationäre Rehabilitation Suchtkranker hat ihren Schwerpunkt bei Menschen, die massive Teilhabestörungen aufweisen. Dies kann den Schwergrad einer oder mehrerer Abhängigkeiten betreffen, komorbide psychische oder somatische Störungen, soziale Desintegration einschließlich beruflicher Probleme oder die Notwenigkeit, das häusliche Umfeld auf Zeit zu verlassen. Traditionell hat sich die Reha-Klinik-Landschaft in Einrichtungen für Alkohol- und Medikamentenabhängige und solche für Drogenpatienten aufgeteilt. Diese strenge Trennung löst sich wegen veränderter Konsummuster zunehmend auf.
Die stationären Behandlungsdauern betragen konzept- und störungsabhängig 8-26 Wochen. Eine enge Zusammenarbeit mit Zuweisern und Nachbehandlern (v. a. Beratungsstellen, Fachambulanzen, Akutkliniken, Fach- und Hausärzte) sichert die Vorbereitung und Nachsorge. In den stationären Einrichtungen bestehen allgemein auf Suchtprobleme fokussierte Angebote, die durch individualisierte Interventionen ergänzt werden. Hierbei werden z. B. Lebensalter, Geschlecht. Migrationshintergrund oder Begleiterkrankungen besonders berücksichtigt:

  • Psychotherapie einzeln und in Gruppen
  • Psychoedukation
  • Psychopharmakologische Behandlung
  • Medizinische und pflegerische Betreuung
  • Sport- und Bewegungstherapie
  • Ergo- und Arbeitstherapie sowie weitere berufsbezogene Angebote
  • Kreativtherapie und Freizeitkompetenz

 

Da eine Suchterkrankung nicht einfach „verschwindet“ sondern in Remission geht, bleibt Rückfallprophylaxe eine lebenslange Aufgabe. Sie ist überwiegend bei den Betroffenen verortet und beinhaltet Achtsamkeit gegenüber eigenen Bedürfnissen, Umgang mit Risikosituationen, Ablehnungstraining und oft auch den Besuch einer Selbsthilfegruppe. Dabei unterstützt eine zufriedene Abstinenz nach dem Motto „der Weg ist das Ziel“ sowohl die Lebensqualität als auch die weitere Suchmittelfreiheit.

 

Autoren:

Prof. Dr. med. Reinhart Schüppel
CA der Johannesbad Fachklinik Furth i. W.
Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie,
Facharzt für Innere Medizin, Sozialmedizin, Naturheilverfahren


Dr. med. Dieter Geyer
CA Johannesbad Fachklinik Holthauser Mühle
Facharzt für Neurologie und Psychiatrie
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Rehabilitationswesen

 

 

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